Mini-Biographie als Leseprobe - Text für das Kurmagazin Bad Griesbach zum Geburtstag einer 103jährigen Griesbacherin 

Anna Imhoff – geboren 1905

Anna Imhoff wird im Juli 2008 ganze 103 Jahre alt, das ist Grund genug für einen Besuch und für einen Artikel im „Kurmagazin“. Die aller-älteste Griesbacherin wohnt nun nicht mehr in der Weinzierler Straße, sondern „im Elisabeth“.

Nachdem wir uns begrüßt haben, sagt sie mir „Ich hab gerade der Ostermünchnerin gratuliert – zum 80. Geburtstag – so eine nette Frau!“ Vor dem 1. Weltkrieg arbeitete der Vater als Tagelöhner in der Brauerei Ostermünchner. Anna Imhoff erzählt: „Da waren viele Leute beisammen. Und weil dort viel gearbeitet - und viel gekocht - werden musste, gab es sogar zwei Küchen: eine Herren- und eine Bauernküche!“ Einmal musste die Anna bei der Köchin ein Bratl[1] abholen für den Vater, weil die Chefin das so gewollt hatte. „Da sagte die Köchin, ‚Wart', Anna, ich hab‘s gleich!‘“ Und dann ist die Köchin in die Herrenküche gegangen, hat ein besonders gutes Bratenstück geholt und davon zwei schöne Scheiben für den Vater abgeschnitten. Anna Imhoff kann sich immer noch gut an diese fürsorgliche Köchin erinnern, „weil sie immerzu einen Tropfen an der Nase hatte, der ihr dann einfach heruntergetropft ist...!“ 

Anna Imhoff wurde in Reutern geboren. Als sie 5 Jahre alt war, zog die Familie von Reutern in die Weinzierler Straße nach Griesbach, denn der Vater konnte dort ein Haus kaufen. Anna und ihre Schwester wurden auf den Umzugswagen gesetzt, den der Onkel kutschierte. Anna Imhoff weiß noch, wie die Mutter vor der Abfahrt mit dem Onkel scherzte, aber mahnte: „Verlier mir meine Mädchen nicht!“ Dann verabschiedete sie sich und nahm den Fußweg querfeldein, weil sie früher da sein wollte. Als Anna begann, die Mutter zu vermissen, weinte sie, doch der Onkel sagte: „Brauchst nicht weinen, Anna, wir sind ja bald da – schau, da kann man die Kirche schon sehn!“

In der Weinzierler Straße lebte die Familie, wie damals üblich, mit Ziegen und Hühnern. Vor dem Haus gibt es einen Waschstand und im Haus eine offene Feuerstelle. Einmal am Tag kam die eilige Postkutsche vorbei mit den stattlichen Postlern auf dem Kutschersitz. Die uniformierten Bediensteten kamen geradewegs aus der Poststation neben der Brauerei Ostermünchner. Dort hatten sie die mitgebrachte Post abgegeben, neue Post entgegen genommen und frische Rösser eingewechselt. Dann ging es in voller Fahrt die Weinzierler Straße hinunter zur nächsten Poststation nach Karpfham.

Die kleine Anna besuchte als Kind oft ihre Patin, die Bäuerin in Obergrün, eine Freundin der Mutter. Sie ging ihr auch gern zur Hand. Meistens hat sie dann auf die Kinder aufgepasst, die auf der Wiese spielten oder gar am Löschteich. Ausgerechnet der Jüngste war ein recht lebhafter Bub, der schwer zu bändigen war. Die Anna ließ sich das nicht gefallen, zögerte nicht lang und gab ihm eins auf die Hose. Anna Imhoff lacht ganz herzlich: „Stellen Sie sich das vor, da bin ich vor ein paar Jahren auf einem Ausflug vom Senioren-Zentrum dabei, und wer steht vor mir – der Sepp! Und was sagt er? Du bist doch die, die mich so gehaut hat!“

Anna Imhoff erzählt von ihrer Schwester, die eine gute Näherin geworden war und darauf achtete, dass auch die ganze Familie gut angezogen war. „Die Leute fragten meine Mutter immer, „Mei, Frau Sigl, wo haben Sie nur die schönen Stoffe her?“ Anna Imhoff schüttelt den Kopf und lacht vergnügt: „Dabei waren das nur alte Sachen, die wir immer aufgetrennt, gewaschen und gebügelt haben!“

Geheiratet hat Anna Imhoff am Drei-Königs-Tag, am 06. Januar 1930. Ihr Mann war aus Pirmasens im Saarland und arbeitete, da es dort keine Arbeit gab, bei der Firma Moll in München, die damals das Stauwerk in Ering am Inn baute. Da auch Anna zu dieser Zeit dort in der Küche arbeitete, lernten sie sich kennen. Anna Imhoff überlegt kurz und erzählt schmunzelnd von ihrem Mann: „Da sagte er später, ‚Ja, wenn Du nicht so gut gekocht hättest, hätt’ ich Dich nicht mögen!‘“

Als der Krieg kam, musste ihr Mann in Metz/ Frankreich, einrücken. Schlimm waren auch noch die Jahre nach dem Krieg, weil es keine Arbeit gab. Es war schon 1950, als endlich ein Anruf von der früheren Firma kam, dass ihr Mann gebraucht wurde zum Bau des Flugplatzes in Landstuhl in der Pfalz. Und dann musste alles sehr schnell gehen. Anna Imhoff folgte ihrem Mann und lebte mit ihm in der Fremde, aber schließlich ging es wieder heim. Einmal kam auch der Chef der Firma Moll aus München zu Besuch: „Ja, der Imhoff kann gut mit den Leuten umgehen!“ sagte er. Das war eine gute Sache.

Aber ist ihr Mann auch gut mit ihr umgegangen? Anna Imhoff lacht wieder und antwortet schlagfertig, ohne zu überlegen: „Ja, sonst hätt’ ich ja nicht mehr gekocht!“ Auf die Frage, woher sie das Kochen gelernt hat – von ihrer Mutter? – meint sie allerdings: „Nein, das hab ich mir abgeschaut und selber gelernt.“ Und was hat ihr Mann am liebsten gegessen, womit hat sie ihm eine Freude bereitet? „Mit einem guten Schweinsbraten – in der Rain, schön knusprig: Zuerst muss er gesalzen werden, auch mit Pfeffer dazu, Zwiebeln und ein paar Kartoffeln für den guten Geschmack. Dann muss man das Fleisch richtig braten lassen, zwischendurch übergießen, und dazu noch Knödl machen: Da braucht man viel Zeit!“

Nun, so ein Braten kam nicht alle Tage auf den Tisch, und lange Zeit gab es ja kaum etwas zu kaufen. Wenn Anna Imhoff hörte, dass ein Bauer geschlachtet hatte, ist sie gleich hin, um etwas Fleisch zu besorgen, aber oft genug kam sie zu spät. Wochentags gab sich ihr Mann, wenn er nach der schweren Arbeit heimkam, durchaus auch mit „Gwichsten“ zufrieden, die sie meisterlich aus Mehl, Wasser, Gremmeln und Salz zuzubereiten wusste. „Ja, die aß er gern – und wissen Sie, warum?“ Ich bin ganz neugierig. „Die sind im Magen geblieben – von Knödeln kriegt man ja gleich wieder einen Hunger!“

Ein Onkel wurde fast 100 Jahre alt, aber die Mutter verlor sie schon 1936, nach einer Gallenoperation. „Schlimm war‘s, denn wir haben nicht gewusst, dass’s so ernst war!“ Anna Imhoff wiegt traurig den Kopf. „‚Weißt’, hat sie noch gesagt, als ich sie im Krankenhaus besuchte, ‚bring mir a Wasser mit von daheim!’ Ihr schmeckte das Wasser im Krankenhaus nicht.“ Aber als die Anna sie am Sonntag besuchen wollte, war es schon zu spät.

Anna Imhoff hatte eine Tante, die nicht zum Heiraten gekommen ist, obwohl sie eine gute Aussteuer hatte. Als sie in die Rente kam, musste sie von 20 Mark im Monat leben. Da hat sie sich Ziegen angeschafft, um Milch zu haben, dazu ein paar ostfriesische Schafe (wegen der Wolle), mit denen sie nachmittags spazieren ging. Zu dieser Zeit gab es in Griesbach einen besonders aufmerksamen Polizisten, dem diese frei laufenden Schafe ein Dorn im Auge waren. Er mahnte die Tante, gut auf die Schafe acht zu geben, damit diese in den Gärten keinen Schaden anrichteten. Weil er immerzu hinter ihr her war, ging die Tante am liebsten gleich Richtung Hölzlmaier – aber auch dorthin folgte ihr der Gendarm. Erst als die Tante ihm einen – selbst gesponnenen und gestrickten – Wollpullover schenkte, ließ er sie in Ruhe.

Das Altenheim kennt Anna Imhoff schon von früher. Wenn sie hier als Kind vorüber kam, konnte sie immer Klosterschwestern sehen, die hier arbeiteten. Aber so schön wie heute war es natürlich nicht, und der Hang unterhalb der Anlage, das war ja die reinste Wildnis – wo nun alles schön hergerichtet ist. „Ja, aber heut gib‘s ja keine Jungfrauen - und so auch keine Klosterschwestern – mehr! Aus ist‘s! Jetzt müssen wir alle selber zahlen!“ Anna Imhoff hofft, dass ihr Geld noch eine Zeitlang reichen wird.

Von ihrem Appartement aus hat sie eine wunderbare Aussicht auf die Altstadt, und weit darüber hinaus ins Rottal. Manchmal ist sogar die ganze Alpenkette am Horizont zu sehen. Groß und prächtig liegt die Stadtkirche da, und nun läutet es vom Kirchturm. „Ich hab‘s so schön hier. Ich brauch ja nicht mehr arbeiten und kann’s mir gut gehen lassen.“ Ist sie wunschlos glücklich? Anna Imhoff blinzelt und meint: „Bis vor kurzem konnte ich die Uhr am Turm noch ohne Gläser sehen – aber jetzt brauche ich dazu die Brille!“ Übrigens: Ihre Brille hat sie sich nicht etwa gekauft, sondern irgendwann von ihrem Onkel (der ja 100 Jahre alt wurde) geschenkt gekriegt. Vor ein paar Jahren hat sie diese dann zum Lesen hergenommen – und ist inzwischen so daran gewöhnt, dass sie bestens damit zu Recht kommt.

AnneMarie Rogmans

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[1] Bratenstück